Samstag, 6. August 2016

...und in welcher Welt willst Du leben?



Es gibt Tage, da frage ich mich mehr als an den anderen, was nur mit unserer Menschheit los ist?
Ich rede jetzt nicht von der allgegenwärtigen Angst vor terroristischen Anschlägen im Namen dieser und jener Glaubensrichtung, nicht von der Entscheidung des IOC, Russland trotz Systemdopings zu den Olympischen Spielen zuzulassen (und zugleich derjenigen, die alles ans Licht gebracht hat, die Teilnahme zu verwehren). Ich rede auch nicht davon, dass es heutzutage notwendig ist, den Leuten die Bedeutung des Wortes ‚Nein’ durch Videoclips mit lustigen Spielzeugmännchen wieder im Gedächtnis zu verankern, weil so eindeutig Nein heißt Nein ja doch irgendwie nicht…
Ich rede davon, wie wir immer mehr verrohen, unsere Empathie verlieren und durch die alltägliche Überflutung mit schrecklichen Nachrichten aus aller Welt abstumpfen gegenüber dem Leid, das sich täglich vor unserer Haustür, vielleicht sogar gleich nebenan abspielt.

Wir verlieren unsere Zufriedenheit, unsere Demut und unsere Dankbarkeit gegenüber dem, was wir bereits haben.

Seit meinem schlimmen Jahr 2014 vergeht nicht ein einziger Tag, an dem ich nicht einmal bewusst „Danke“ sage. Einfach so, raus ins Nichts, in den Himmel, das Universum, wer auch immer es hören und annehmen mag.
Ich sage „Danke“ dafür, am Leben zu sein, an keiner schweren Krankheit zu leiden, ein warmes Dach über dem Kopf zu haben, dabei immer was zu Essen im Kühlschrank, einen wunderbaren Freund, der mich mit all meinen Macken und Fehlern liebt (vielleicht sogar gerade deswegen) und darüber, meine Tiere zu haben, denen ich nach schlechten Haltungsbedingungen endlich ein Leben ermöglichen kann, in dem sie sich wohlfühlen und aufblühen.

Es sind so viele kleine Sachen, die uns allen jeden Tag ein „Danke“ wert sein sollten, und die wir so oft als selbstverständlich nehmen.

Heute war ein Tag, in den so ziemlich alles reingepackt war und der mich so tief bewegt hat, dass ich diese Zeilen schreibe. Ich muss sie schreiben, weil ich sonst das Gefühl habe, dass es mich zerreißt.
Es begann am frühen Nachmittag, als mein Freund und ich uns dazu entschlossen, den Kühlschrank seiner Eltern mit ein paar Lebensmitteln aufzufüllen. Zum ersten Mal schwang ich, der ehemalige Motorradschisser, mich als Sozia  hinten auf die Honda VTR, die schon beim kleinsten Dreher geschmeidig auf 180 Sachen beschleunigt. Als Huckepackfrosch an meine bessere Hälfte geklammert, fuhren wir die erste Runde, und ich war schlichtweg davon begeistert, wie die Umwelt an uns vorbeirauschte. Auf dem Rückweg beschlossen wir spontan, noch eine Runde Autobahn einzulegen, einfach um zu testen, ob ich auch bei hohen Geschwindigkeiten auf dem Schleudersitz zurechtkomme. Das Höllengerät beförderte uns, kaum auf der Autobahn, innerhalb von kürzester Zeit auf über 200 km/h und mich überkam stellenweise das Bedürfnis, vor Freude laut zu schreien. Mein innerer Adrenalinjunkie, dem ich schon in frühester Kindheit auf der Skipiste meinen Spitznamen „Rennsemmel“ verdankte und der lange vergaben lag, erlebt endlich seine Wiedergeburt.

Noch völlig aufgeputscht gingen wir nach unserer Rückkehr zum Einkaufen. Wir lachten, alberten herum und freuten uns einfach darüber, dass wir soviel Spaß miteinander haben. Da der Supermarkt nicht alles von unserer Liste vorrätig hatte, mussten wir über die Straße zum kleineren Laden. Ich sagte, dass ich mit der vollen Tasche draußen warten würde, während mein Freund den restlichen Einkauf erledigte. Während ich wartete fiel mein Blick auf eine alte Dame mit wirren Haaren, die sich gegenüber, mir den Rücken zugewandt, in ihrem Rollstuhl auf einen Abfalleimer zuschob. Erst verstand ich nicht, was sie wollte, denn Müll zum entsorgen hatte sie keinen. Dann griff sie zögernd in den Eimer und wühlte suchend darin herum. Wieder ein Fall von Altersarmut, durchfuhr es mich, und meine gerade noch vom Geschwindigkeitsrausch so heitere Stimmung verdüsterte sich schlagartig.

Altersarmut und Obdachlosigkeit, das sind die Dinge, die mir persönlich besonders zusetzen. Es stimmt mich traurig zu sehen, wie schlecht es oftmals vielen alten Menschen geht, die teilweise ihr ganzes Leben lang bis zum umfallen gearbeitet haben und nun aus den unterschiedlichsten Gründen verarmt und vergessen ihr Dasein fristen. Schon oft habe ich solchen Menschen etwas gegeben. Nicht, weil ich so toll bin oder in Geld schwimme, sondern weil ich nicht richtig finde, was mit den Alten in unserer Gesellschaft passiert. Auch jetzt war mein Impuls vorhanden, etwas zu tun, doch wollte ich die Dame keinesfalls brüskieren.
„Du kannst nicht allen helfen“, meldete sich eine Stimme in mir, und auch wenn es mir weh tat, so musste ich mir eingestehen, dass sie Recht hatte.

Die Frau, deren Gesicht auf einen sichtlich angegriffenen Gesundheitszustand schließen ließ, zog die Hand anschließen zurück und rollte ein Stück weiter. Vor den Kartons mit den losen Kirschen hielt sie an. Der Ausdruck, der sich beim Anblick der prallen, roten Früchtchen auf ihr Gesicht legte, ging mir durch Mark und Bein. Soviel Sehnsucht lag in ihrem Blick, soviel Wunsch und vielleicht auch ein wenig Erinnerung an bessere Zeiten. Derweil war eine Verkäuferin zu einer Rauchpause nach draußen getreten und hatte sich neben den Kirschen an die Wand gelehnt. Die alte Dame hob ihren Kopf und sagte etwas zu der Angestellten, was ich nicht hören konnte. Diese wiederum nickte kurz desinteressiert und zuckte dann mit den Schultern. Daraufhin ließ die Frau im Rollstuhl ihren Blick erneut auf die Kirschen sinken und betrachtete sie eine Zeit lang mit solcher Wehmut, dass ich meinte, ihre Sehnsucht selbst spüren zu können. Langsam ließ sie ihren Kopf sinken und setzte sich einen Moment später wieder in Bewegung. Diese Niedergeschlagenheit zu sehen machte mich so unfassbar traurig.

„Du kannst nicht allen helfen“, vernahm ich erneut die Stimme in mir, diesmal etwas lauter als zuvor.
„Halts Maul“, giftete ich zurück, schulterte mir die Einkaufstasche über und ging der alten Frau nach.
„Entschuldigen Sie“, sprach ich sie höflich an, „möchten Sie vielleicht ein paar Kirschen?“
Sichtlich verdutzt schaute mich die alte Dame an. Ihr Gesicht war von Nahem noch schlimmer gezeichnet, als ich zu Anfang wahrgenommen hatte. Sie wirkte, als sei ihr schon lange nichts Schönes mehr widerfahren. Ihr Blick war leer und hoffnungslos.
„Nein, nein“, sagte sie verunsichert, offenbar in der Annahme, ich sei eine Verkäuferin.
„Ist in Ordnung, ich möchte sie ihnen schenken“, sagte ich. „Ist das okay für Sie?“
Immer noch ungläubig schaute sie mich an.
„Ja wenn Sie sie mir schenken wollen…“, antwortete sie, immer noch zu perplex, um mein Angebot komplett erfassen zu können.
Ich bat sie darum, kurz zu warten, schnappte mir eine kleine Tüte und füllte sie mit mehreren Händen voller süßer Kirschen. Die Verkäuferin lehnte weiter an der Wand und bedachte mich mit einem Blick, als sei ich ein Mensch vom Mars.
Als ich den Laden betrat, verließ mein Freund gerade den Kassenbereich.
„Warte schnell, ich muss noch was erledigen“, sagte ich, händigte ihm die Einkaufstasche aus und ging zur Kasse, um zu bezahlen. Dann eilte ich nach draußen und übergab der Dame die Tüte kleiner Köstlichkeiten. Ich wünschte ihr viel Freude damit, schenkte ihr ein warmherziges Lächeln und kehrte zurück zu meinem Freund, der meine Anfälle dieser Art schon zur Genüge kennt.

Ich weiß nicht, ob die Dame noch etwas gesagt, geschweige denn, ob sie sich bedankt hat.
Es ist mir auch nicht wichtig.
Wichtig war mir stattdessen, in diesem Moment ein Stück Menschlichkeit zu spenden in einer Welt, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.
Eine Welt, in der nur noch die überleben, die jung, vital und brauchbares „Arbeitsmaterial“ sind, während die, denen wir die Basis unserer jetzigen Lebensstandards verdanken, nur zu gern in Vergessenheit geraten und sich und ihrer winzigen Rente selbst überlassen werden.
Eine Welt, in der ich, immer noch tief berührt, kurz darauf den Müll raus bringe, nur um in der Tonne, ganz obenauf, einen nahezu unversehrten Blumenstrauß mit wunderhübschen, rosa Gerbera zu finden.

Einerseits habe ich mich in dem Augenblick gefragt, ob das vielleicht ein Danke „von oben“ sein sollte, dafür, dass ich selber vorhin etwas gegeben hatte, ohne etwas zu erwarten.
Andererseits kam mir auch hier der Gedanke, wie wenig wir alles um uns herum zu schätzen wissen, wenn wir selbst so etwas unschuldiges und schönes wie diese Blumen einfach entsorgen. Ich habe die Gerberas aus dem Strauß gezogen, um ihnen wenigstens auf ihre letzten Tage noch einen würdigen Platz zu schenken.

Sie stehen jetzt auf meinem Wohnzimmertisch und werden mich, mindestens so lange sie blühen, aber bestimmt noch weit darüber hinaus daran erinnern, dass wir nur dann zufrieden  und glücklich sein können, wenn wir wieder zu schätzen lernen, was wir bereits haben.
Und dass es uns nicht schadet, ab und an etwas von dieser Zufriedenheit an andere weiterzugeben. Besonders an diejenigen, die vielleicht nur eine Tür weiter wohnen, aber von der Welt längst vergessen wurden.

...und in welcher Welt willst Du leben?



Es gibt Tage, da frage ich mich mehr als an den anderen, was nur mit unserer Menschheit los ist?
Ich rede jetzt nicht von der allgegenwärtigen Angst vor terroristischen Anschlägen im Namen dieser und jener Glaubensrichtung, nicht von der Entscheidung des IOC, Russland trotz Systemdopings zu den Olympischen Spielen zuzulassen (und zugleich derjenigen, die alles ans Licht gebracht hat, die Teilnahme zu verwehren). Ich rede auch nicht davon, dass es heutzutage notwendig ist, den Leuten die Bedeutung des Wortes ‚Nein’ durch Videoclips mit lustigen Spielzeugmännchen wieder im Gedächtnis zu verankern, weil so eindeutig Nein heißt Nein ja doch irgendwie nicht…
Ich rede davon, wie wir immer mehr verrohen, unsere Empathie verlieren und durch die alltägliche Überflutung mit schrecklichen Nachrichten aus aller Welt abstumpfen gegenüber dem Leid, das sich täglich vor unserer Haustür, vielleicht sogar gleich nebenan abspielt.

Wir verlieren unsere Zufriedenheit, unsere Demut und unsere Dankbarkeit gegenüber dem, was wir bereits haben.

Seit meinem schlimmen Jahr 2014 vergeht nicht ein einziger Tag, an dem ich nicht einmal bewusst „Danke“ sage. Einfach so, raus ins Nichts, in den Himmel, das Universum, wer auch immer es hören und annehmen mag.
Ich sage „Danke“ dafür, am Leben zu sein, an keiner schweren Krankheit zu leiden, ein warmes Dach über dem Kopf zu haben, dabei immer was zu Essen im Kühlschrank, einen wunderbaren Freund, der mich mit all meinen Macken und Fehlern liebt (vielleicht sogar gerade deswegen) und darüber, meine Tiere zu haben, denen ich nach schlechten Haltungsbedingungen endlich ein Leben ermöglichen kann, in dem sie sich wohlfühlen und aufblühen.

Es sind so viele kleine Sachen, die uns allen jeden Tag ein „Danke“ wert sein sollten, und die wir so oft als selbstverständlich nehmen.

Heute war ein Tag, in den so ziemlich alles reingepackt war und der mich so tief bewegt hat, dass ich diese Zeilen schreibe. Ich muss sie schreiben, weil ich sonst das Gefühl habe, dass es mich zerreißt.
Es begann am frühen Nachmittag, als mein Freund und ich uns dazu entschlossen, den Kühlschrank seiner Eltern mit ein paar Lebensmitteln aufzufüllen. Zum ersten Mal schwang ich, der ehemalige Motorradschisser, mich als Sozia  hinten auf die Honda VTR, die schon beim kleinsten Dreher geschmeidig auf 180 Sachen beschleunigt. Als Huckepackfrosch an meine bessere Hälfte geklammert, fuhren wir die erste Runde, und ich war schlichtweg davon begeistert, wie die Umwelt an uns vorbeirauschte. Auf dem Rückweg beschlossen wir spontan, noch eine Runde Autobahn einzulegen, einfach um zu testen, ob ich auch bei hohen Geschwindigkeiten auf dem Schleudersitz zurechtkomme. Das Höllengerät beförderte uns, kaum auf der Autobahn, innerhalb von kürzester Zeit auf über 200 km/h und mich überkam stellenweise das Bedürfnis, vor Freude laut zu schreien. Mein innerer Adrenalinjunkie, dem ich schon in frühester Kindheit auf der Skipiste meinen Spitznamen „Rennsemmel“ verdankte und der lange vergaben lag, erlebt endlich seine Wiedergeburt.

Noch völlig aufgeputscht gingen wir nach unserer Rückkehr zum Einkaufen. Wir lachten, alberten herum und freuten uns einfach darüber, dass wir soviel Spaß miteinander haben. Da der Supermarkt nicht alles von unserer Liste vorrätig hatte, mussten wir über die Straße zum kleineren Laden. Ich sagte, dass ich mit der vollen Tasche draußen warten würde, während mein Freund den restlichen Einkauf erledigte. Während ich wartete fiel mein Blick auf eine alte Dame mit wirren Haaren, die sich gegenüber, mir den Rücken zugewandt, in ihrem Rollstuhl auf einen Abfalleimer zuschob. Erst verstand ich nicht, was sie wollte, denn Müll zum entsorgen hatte sie keinen. Dann griff sie zögernd in den Eimer und wühlte suchend darin herum. Wieder ein Fall von Altersarmut, durchfuhr es mich, und meine gerade noch vom Geschwindigkeitsrausch so heitere Stimmung verdüsterte sich schlagartig.

Altersarmut und Obdachlosigkeit, das sind die Dinge, die mir persönlich besonders zusetzen. Es stimmt mich traurig zu sehen, wie schlecht es oftmals vielen alten Menschen geht, die teilweise ihr ganzes Leben lang bis zum umfallen gearbeitet haben und nun aus den unterschiedlichsten Gründen verarmt und vergessen ihr Dasein fristen. Schon oft habe ich solchen Menschen etwas gegeben. Nicht, weil ich so toll bin oder in Geld schwimme, sondern weil ich nicht richtig finde, was mit den Alten in unserer Gesellschaft passiert. Auch jetzt war mein Impuls vorhanden, etwas zu tun, doch wollte ich die Dame keinesfalls brüskieren.
„Du kannst nicht allen helfen“, meldete sich eine Stimme in mir, und auch wenn es mir weh tat, so musste ich mir eingestehen, dass sie Recht hatte.

Die Frau, deren Gesicht auf einen sichtlich angegriffenen Gesundheitszustand schließen ließ, zog die Hand anschließen zurück und rollte ein Stück weiter. Vor den Kartons mit den losen Kirschen hielt sie an. Der Ausdruck, der sich beim Anblick der prallen, roten Früchtchen auf ihr Gesicht legte, ging mir durch Mark und Bein. Soviel Sehnsucht lag in ihrem Blick, soviel Wunsch und vielleicht auch ein wenig Erinnerung an bessere Zeiten. Derweil war eine Verkäuferin zu einer Rauchpause nach draußen getreten und hatte sich neben den Kirschen an die Wand gelehnt. Die alte Dame hob ihren Kopf und sagte etwas zu der Angestellten, was ich nicht hören konnte. Diese wiederum nickte kurz desinteressiert und zuckte dann mit den Schultern. Daraufhin ließ die Frau im Rollstuhl ihren Blick erneut auf die Kirschen sinken und betrachtete sie eine Zeit lang mit solcher Wehmut, dass ich meinte, ihre Sehnsucht selbst spüren zu können. Langsam ließ sie ihren Kopf sinken und setzte sich einen Moment später wieder in Bewegung. Diese Niedergeschlagenheit zu sehen machte mich so unfassbar traurig.

„Du kannst nicht allen helfen“, vernahm ich erneut die Stimme in mir, diesmal etwas lauter als zuvor.
„Halts Maul“, giftete ich zurück, schulterte mir die Einkaufstasche über und ging der alten Frau nach.
„Entschuldigen Sie“, sprach ich sie höflich an, „möchten Sie vielleicht ein paar Kirschen?“
Sichtlich verdutzt schaute mich die alte Dame an. Ihr Gesicht war von Nahem noch schlimmer gezeichnet, als ich zu Anfang wahrgenommen hatte. Sie wirkte, als sei ihr schon lange nichts Schönes mehr widerfahren. Ihr Blick war leer und hoffnungslos.
„Nein, nein“, sagte sie verunsichert, offenbar in der Annahme, ich sei eine Verkäuferin.
„Ist in Ordnung, ich möchte sie ihnen schenken“, sagte ich. „Ist das okay für Sie?“
Immer noch ungläubig schaute sie mich an.
„Ja wenn Sie sie mir schenken wollen…“, antwortete sie, immer noch zu perplex, um mein Angebot komplett erfassen zu können.
Ich bat sie darum, kurz zu warten, schnappte mir eine kleine Tüte und füllte sie mit mehreren Händen voller süßer Kirschen. Die Verkäuferin lehnte weiter an der Wand und bedachte mich mit einem Blick, als sei ich ein Mensch vom Mars.
Als ich den Laden betrat, verließ mein Freund gerade den Kassenbereich.
„Warte schnell, ich muss noch was erledigen“, sagte ich, händigte ihm die Einkaufstasche aus und ging zur Kasse, um zu bezahlen. Dann eilte ich nach draußen und übergab der Dame die Tüte kleiner Köstlichkeiten. Ich wünschte ihr viel Freude damit, schenkte ihr ein warmherziges Lächeln und kehrte zurück zu meinem Freund, der meine Anfälle dieser Art schon zur Genüge kennt.

Ich weiß nicht, ob die Dame noch etwas gesagt, geschweige denn, ob sie sich bedankt hat.
Es ist mir auch nicht wichtig.
Wichtig war mir stattdessen, in diesem Moment ein Stück Menschlichkeit zu spenden in einer Welt, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.
Eine Welt, in der nur noch die überleben, die jung, vital und brauchbares „Arbeitsmaterial“ sind, während die, denen wir die Basis unserer jetzigen Lebensstandards verdanken, nur zu gern in Vergessenheit geraten und sich und ihrer winzigen Rente selbst überlassen werden.
Eine Welt, in der ich, immer noch tief berührt, kurz darauf den Müll raus bringe, nur um in der Tonne, ganz obenauf, einen nahezu unversehrten Blumenstrauß mit wunderhübschen, rosa Gerbera zu finden.

Einerseits habe ich mich in dem Augenblick gefragt, ob das vielleicht ein Danke „von oben“ sein sollte, dafür, dass ich selber vorhin etwas gegeben hatte, ohne etwas zu erwarten.
Andererseits kam mir auch hier der Gedanke, wie wenig wir alles um uns herum zu schätzen wissen, wenn wir selbst so etwas unschuldiges und schönes wie diese Blumen einfach entsorgen. Ich habe die Gerberas aus dem Strauß gezogen, um ihnen wenigstens auf ihre letzten Tage noch einen würdigen Platz zu schenken.

Sie stehen jetzt auf meinem Wohnzimmertisch und werden mich, mindestens so lange sie blühen, aber bestimmt noch weit darüber hinaus daran erinnern, dass wir nur dann zufrieden  und glücklich sein können, wenn wir wieder zu schätzen lernen, was wir bereits haben.
Und dass es uns nicht schadet, ab und an etwas von dieser Zufriedenheit an andere weiterzugeben. Besonders an diejenigen, die vielleicht nur eine Tür weiter wohnen, aber von der Welt längst vergessen wurden.

...und in welcher Welt willst Du leben?



Es gibt Tage, da frage ich mich mehr als an den anderen, was nur mit unserer Menschheit los ist?
Ich rede jetzt nicht von der allgegenwärtigen Angst vor terroristischen Anschlägen im Namen dieser und jener Glaubensrichtung, nicht von der Entscheidung des IOC, Russland trotz Systemdopings zu den Olympischen Spielen zuzulassen (und zugleich derjenigen, die alles ans Licht gebracht hat, die Teilnahme zu verwehren). Ich rede auch nicht davon, dass es heutzutage notwendig ist, den Leuten die Bedeutung des Wortes ‚Nein’ durch Videoclips mit lustigen Spielzeugmännchen wieder im Gedächtnis zu verankern, weil so eindeutig Nein heißt Nein ja doch irgendwie nicht…
Ich rede davon, wie wir immer mehr verrohen, unsere Empathie verlieren und durch die alltägliche Überflutung mit schrecklichen Nachrichten aus aller Welt abstumpfen gegenüber dem Leid, das sich täglich vor unserer Haustür, vielleicht sogar gleich nebenan abspielt.

Wir verlieren unsere Zufriedenheit, unsere Demut und unsere Dankbarkeit gegenüber dem, was wir bereits haben.

Seit meinem schlimmen Jahr 2014 vergeht nicht ein einziger Tag, an dem ich nicht einmal bewusst „Danke“ sage. Einfach so, raus ins Nichts, in den Himmel, das Universum, wer auch immer es hören und annehmen mag.
Ich sage „Danke“ dafür, am Leben zu sein, an keiner schweren Krankheit zu leiden, ein warmes Dach über dem Kopf zu haben, dabei immer was zu Essen im Kühlschrank, einen wunderbaren Freund, der mich mit all meinen Macken und Fehlern liebt (vielleicht sogar gerade deswegen) und darüber, meine Tiere zu haben, denen ich nach schlechten Haltungsbedingungen endlich ein Leben ermöglichen kann, in dem sie sich wohlfühlen und aufblühen.

Es sind so viele kleine Sachen, die uns allen jeden Tag ein „Danke“ wert sein sollten, und die wir so oft als selbstverständlich nehmen.

Heute war ein Tag, in den so ziemlich alles reingepackt war und der mich so tief bewegt hat, dass ich diese Zeilen schreibe. Ich muss sie schreiben, weil ich sonst das Gefühl habe, dass es mich zerreißt.
Es begann am frühen Nachmittag, als mein Freund und ich uns dazu entschlossen, den Kühlschrank seiner Eltern mit ein paar Lebensmitteln aufzufüllen. Zum ersten Mal schwang ich, der ehemalige Motorradschisser, mich als Sozia  hinten auf die Honda VTR, die schon beim kleinsten Dreher geschmeidig auf 180 Sachen beschleunigt. Als Huckepackfrosch an meine bessere Hälfte geklammert, fuhren wir die erste Runde, und ich war schlichtweg davon begeistert, wie die Umwelt an uns vorbeirauschte. Auf dem Rückweg beschlossen wir spontan, noch eine Runde Autobahn einzulegen, einfach um zu testen, ob ich auch bei hohen Geschwindigkeiten auf dem Schleudersitz zurechtkomme. Das Höllengerät beförderte uns, kaum auf der Autobahn, innerhalb von kürzester Zeit auf über 200 km/h und mich überkam stellenweise das Bedürfnis, vor Freude laut zu schreien. Mein innerer Adrenalinjunkie, dem ich schon in frühester Kindheit auf der Skipiste meinen Spitznamen „Rennsemmel“ verdankte und der lange vergaben lag, erlebt endlich seine Wiedergeburt.

Noch völlig aufgeputscht gingen wir nach unserer Rückkehr zum Einkaufen. Wir lachten, alberten herum und freuten uns einfach darüber, dass wir soviel Spaß miteinander haben. Da der Supermarkt nicht alles von unserer Liste vorrätig hatte, mussten wir über die Straße zum kleineren Laden. Ich sagte, dass ich mit der vollen Tasche draußen warten würde, während mein Freund den restlichen Einkauf erledigte. Während ich wartete fiel mein Blick auf eine alte Dame mit wirren Haaren, die sich gegenüber, mir den Rücken zugewandt, in ihrem Rollstuhl auf einen Abfalleimer zuschob. Erst verstand ich nicht, was sie wollte, denn Müll zum entsorgen hatte sie keinen. Dann griff sie zögernd in den Eimer und wühlte suchend darin herum. Wieder ein Fall von Altersarmut, durchfuhr es mich, und meine gerade noch vom Geschwindigkeitsrausch so heitere Stimmung verdüsterte sich schlagartig.

Altersarmut und Obdachlosigkeit, das sind die Dinge, die mir persönlich besonders zusetzen. Es stimmt mich traurig zu sehen, wie schlecht es oftmals vielen alten Menschen geht, die teilweise ihr ganzes Leben lang bis zum umfallen gearbeitet haben und nun aus den unterschiedlichsten Gründen verarmt und vergessen ihr Dasein fristen. Schon oft habe ich solchen Menschen etwas gegeben. Nicht, weil ich so toll bin oder in Geld schwimme, sondern weil ich nicht richtig finde, was mit den Alten in unserer Gesellschaft passiert. Auch jetzt war mein Impuls vorhanden, etwas zu tun, doch wollte ich die Dame keinesfalls brüskieren.
„Du kannst nicht allen helfen“, meldete sich eine Stimme in mir, und auch wenn es mir weh tat, so musste ich mir eingestehen, dass sie Recht hatte.

Die Frau, deren Gesicht auf einen sichtlich angegriffenen Gesundheitszustand schließen ließ, zog die Hand anschließen zurück und rollte ein Stück weiter. Vor den Kartons mit den losen Kirschen hielt sie an. Der Ausdruck, der sich beim Anblick der prallen, roten Früchtchen auf ihr Gesicht legte, ging mir durch Mark und Bein. Soviel Sehnsucht lag in ihrem Blick, soviel Wunsch und vielleicht auch ein wenig Erinnerung an bessere Zeiten. Derweil war eine Verkäuferin zu einer Rauchpause nach draußen getreten und hatte sich neben den Kirschen an die Wand gelehnt. Die alte Dame hob ihren Kopf und sagte etwas zu der Angestellten, was ich nicht hören konnte. Diese wiederum nickte kurz desinteressiert und zuckte dann mit den Schultern. Daraufhin ließ die Frau im Rollstuhl ihren Blick erneut auf die Kirschen sinken und betrachtete sie eine Zeit lang mit solcher Wehmut, dass ich meinte, ihre Sehnsucht selbst spüren zu können. Langsam ließ sie ihren Kopf sinken und setzte sich einen Moment später wieder in Bewegung. Diese Niedergeschlagenheit zu sehen machte mich so unfassbar traurig.

„Du kannst nicht allen helfen“, vernahm ich erneut die Stimme in mir, diesmal etwas lauter als zuvor.
„Halts Maul“, giftete ich zurück, schulterte mir die Einkaufstasche über und ging der alten Frau nach.
„Entschuldigen Sie“, sprach ich sie höflich an, „möchten Sie vielleicht ein paar Kirschen?“
Sichtlich verdutzt schaute mich die alte Dame an. Ihr Gesicht war von Nahem noch schlimmer gezeichnet, als ich zu Anfang wahrgenommen hatte. Sie wirkte, als sei ihr schon lange nichts Schönes mehr widerfahren. Ihr Blick war leer und hoffnungslos.
„Nein, nein“, sagte sie verunsichert, offenbar in der Annahme, ich sei eine Verkäuferin.
„Ist in Ordnung, ich möchte sie ihnen schenken“, sagte ich. „Ist das okay für Sie?“
Immer noch ungläubig schaute sie mich an.
„Ja wenn Sie sie mir schenken wollen…“, antwortete sie, immer noch zu perplex, um mein Angebot komplett erfassen zu können.
Ich bat sie darum, kurz zu warten, schnappte mir eine kleine Tüte und füllte sie mit mehreren Händen voller süßer Kirschen. Die Verkäuferin lehnte weiter an der Wand und bedachte mich mit einem Blick, als sei ich ein Mensch vom Mars.
Als ich den Laden betrat, verließ mein Freund gerade den Kassenbereich.
„Warte schnell, ich muss noch was erledigen“, sagte ich, händigte ihm die Einkaufstasche aus und ging zur Kasse, um zu bezahlen. Dann eilte ich nach draußen und übergab der Dame die Tüte kleiner Köstlichkeiten. Ich wünschte ihr viel Freude damit, schenkte ihr ein warmherziges Lächeln und kehrte zurück zu meinem Freund, der meine Anfälle dieser Art schon zur Genüge kennt.

Ich weiß nicht, ob die Dame noch etwas gesagt, geschweige denn, ob sie sich bedankt hat.
Es ist mir auch nicht wichtig.
Wichtig war mir stattdessen, in diesem Moment ein Stück Menschlichkeit zu spenden in einer Welt, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.
Eine Welt, in der nur noch die überleben, die jung, vital und brauchbares „Arbeitsmaterial“ sind, während die, denen wir die Basis unserer jetzigen Lebensstandards verdanken, nur zu gern in Vergessenheit geraten und sich und ihrer winzigen Rente selbst überlassen werden.
Eine Welt, in der ich, immer noch tief berührt, kurz darauf den Müll raus bringe, nur um in der Tonne, ganz obenauf, einen nahezu unversehrten Blumenstrauß mit wunderhübschen, rosa Gerbera zu finden.

Einerseits habe ich mich in dem Augenblick gefragt, ob das vielleicht ein Danke „von oben“ sein sollte, dafür, dass ich selber vorhin etwas gegeben hatte, ohne etwas zu erwarten.
Andererseits kam mir auch hier der Gedanke, wie wenig wir alles um uns herum zu schätzen wissen, wenn wir selbst so etwas unschuldiges und schönes wie diese Blumen einfach entsorgen. Ich habe die Gerberas aus dem Strauß gezogen, um ihnen wenigstens auf ihre letzten Tage noch einen würdigen Platz zu schenken.

Sie stehen jetzt auf meinem Wohnzimmertisch und werden mich, mindestens so lange sie blühen, aber bestimmt noch weit darüber hinaus daran erinnern, dass wir nur dann zufrieden  und glücklich sein können, wenn wir wieder zu schätzen lernen, was wir bereits haben.
Und dass es uns nicht schadet, ab und an etwas von dieser Zufriedenheit an andere weiterzugeben. Besonders an diejenigen, die vielleicht nur eine Tür weiter wohnen, aber von der Welt längst vergessen wurden.

Samstag, 23. Januar 2016

Der letzte Wunsch

Vor zwei Nächten gab es wieder eine besondere und außergewöhnliche Begegnung.
Ich befand mich an verschiedenen Orten ohne besondere Bedeutung, so zumindest kam es mir vor. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass ich irgendwo auf den Philippinen war, in einer mir unbekannten Wohnung mit lindgrünen Wänden. In dieser Wohnung stand mir plötzlich ein Skelett gegenüber. Es war in einem erbärmlichen Zustand, die Knochen vergraut und überall noch mit letzten Resten modernder, gammelnder Fleischfetzen versehen. Irgendwas wollte dieses Gerippe von mir, doch ich hatte ehrlich gesagt nicht den Nerv, mich darum zu kümmern. Ich war sogar ziemlich angewidert, so verwesend und stinkend, wie das Fleisch von ihm herabhing.
Ich verließ die Wohnung und ging durch die Straßen der Stadt, doch egal, wohin mich mein Weg auch führte, immer war das Skelett schon vor mir da und wartete auf mich. Erst bekam ich Angst und versuchte geradezu davonzulaufen. Aber relativ schnell merkte ich, dass das völlig zwecklos war. Irgendwann war ich so genervt von dieser Art der Verfolgung, dass ich plötzlich mitten im Gehen stoppte und mich so schnell umdrehte, dass das Skelett fast in mich hineinrumpelte.
"Was willst Du von mir?" fauchte ich es wütend an.
Das Gerippe stand völlig regunglos vor mir.
"Ich möchte Dich umarmen", antwortete es schließlich leise und schaute betroffen auf seine knochigen Füße herab.
Das überraschte mich.
Erst überlegte ich eine Weile und entgegnete dann in einem versöhnlicheren Ton:
"Schau doch bitte mal, wie Du aussiehst. Du kannst mich gern umarmen, aber dazu musst Du Dir vorher eine andere Gestalt wählen."
"Oh. Ich verstehe." sagte das Skelett und nur wenige Sekunden später wechselte es sein Äußeres von dem fauligen Gerippe in einen durchschnittlich aussehenden Mittvierziger. Seine Haare waren schwarz und als Kleidung hatte er sich einen beigen Trenchcoat ausgesucht. Sein Gesicht wirkte freundlich und ehrlich. Insgesamt schien er mir mit seiner Aufmachung den frühen 80ern entsprungen zu sein.
"Das ist viel besser", sagte ich.
Daraufhin näherte sich mir der Mann und umarmte mich vorsichtig, aber dennoch herzlich.
Ich gebe zu, ich hatte derweil ziemliche Mühe, nicht daran zu denken, was da in Wirklichkeit gerade seine Arme um mich schlang. Doch gleichzeitig spürte ich in dieser Umarmung eine solche Freude und Erleichterung, dass ich mir jeglichen Kommentar verkniff und meinen aufkommende Ekel herunterschluckte.
Der Mann stellte sich mir anschließend als Dr. Glassner vor, soweit ich verstanden habe ein Fachmann auf dem Gebiet der Physik. Dr. Glassner fackelte nicht lang, sondern teilte mir mit, dass er nicht schwimmen kann und bei einem Sturz von einem Schiff im Meer ertrunken sei. Seine sterblichen Überreste würden noch immer unter der Wasseroberfläche ruhen.

Normalerweise ist das der Punkt, an dem mich solche rastlosen Seelen bitten, ihren Hinterbliebenen eine letzte Nachricht zu überbringen. Aber auch hier überraschte mich mein neuer Bekannter.
"Ich habe nur einen letzten Wunsch. Ich will nicht mehr ertrinken. Bitte komm mit mir ins Wasser und rette mich."
Zunächst verstand ich nicht, was der Doktor da von mir erbat, doch dann ging mir ein Licht auf.
Ich ließ mir von ihm zeigen, wie er damals ums Leben gekommen war:
Etwas, das ihm viel bedeutet hatte, war aus unbekannter Ursache ins Wasser gefallen, und ohne weiter nachzudenken, war Dr. Glassner dem Gegenstand hinterher gesprungen. Ich bin der Meinung, es war eine Art Tagebuch, aber genau konnte ich es nicht erkennen. Während mir mein Gegenüber das Erlebte in Erinnerungen gleich einem Spielfilm zeigte, den er vor mir laufen ließ, beschlich mich immer mehr das Gefühl, dass sein Verschwinden vom Schiff tatsächlich vollkommen unbemerkt geblieben war und niemand jemals nach ihm gesucht hatte.
Dr Glassners Seele lag schon seit sehr langer Zeit verbunden mit seinen Überresten einsam und vergessen auf dem Grund des Meeres. Er hatte keine Familie und keine Freunde, die ihn vermisst hätten. Damit hatte er sich zwar irgendwann abgefunden. Dennoch wünschte er sich mehr als alles andere, dass es wenigstens einen Menschen auf dieser Welt gab, dem sein Leben etwas bedeutete.
Ich war hin und her gerissen. Noch nie hatte ein Verstorbener eine solche Bitte an mich herangetragen. Ich wusste nicht einmal, ob ich bei dem Versuch, ihm diesen letzten Wunsch zu erfüllen, nicht selber mit meinem Leben bezahlen würde. Dennoch hörte ich immer wieder eine Stimme in meinem Inneren, die mir riet, ihm nachzugeben. So ungewöhnlich das Ganze auch war, es fühlte sich einfach richtig an.
Also willigte ich schließlich ein.
Ein erleichtertes, freudiges Lächeln zeichnete sich auf Dr. Glassners Gesicht ab.
"Danke", sagte er, und ich meinte, Tränen in seinen Augen zu erkennen.
Im nächsten Augenblick kippte die Umgebung und ich fiel ungebremst ins Wasser. Geistesgegenwärtig drehte ich mich um und sah Dr. Glasser zwei Meter unter mir. Sein Trenchcoat hatte sich voller Wasser gesogen und zog ihn ungebremst nach unten. Er strampelte wie verrückt, um zurück an die Oberfläche zu kommen. Ich  tauchte blitzschnell zu Dr Glassner hinunter, dessen Bewegungen allmählich immer langsamer wurden, und griff nach seinem Arm. Verzweifelt versuchte ich, ihn mit aller Macht nach oben zu ziehen, doch wir sanken immer tiefer. Seine Kleidung war einfach viel zu schwer. Letzte Luftblasen aus Dr. Glassners Mund verrieten mir, dass sein Tod kurz bevor stand. Auch mir ging allmäglich die Luft aus und der Druck auf meinen Brustkorb wurde immer stärker. So fühlt sich es sich also an, wenn man ertrinkt, kam es mir in den Sinn, während ich mich drehte und nach oben blickte. Ich bedauerte, Dr. Glassner nicht retten zu können, und gleichzeitig auch, selber dabei mein Leben zu verlieren.
Da plötzlich hörte ich Schreie von oberhalb der Wasseroberfläche.
Menschen!
Man hatte unseren Unfall gesehen!
Im nächsten Moment landete ein Rettungsring platschend auf den Wellen. 
Sie helfen uns!, rief ich in Gedanken Dr. Glassner zu, der mittlerweile regungslos neben mir dahinglitt. Das ist es, dachte ich, das ist es, was er sich die ganze Zeit gewünscht hat. Dass man ihn endlich bemerkt, wo er doch er den Großteil seines Lebens einsam und von anderen völlig ignoriert verbracht hatte. Beflügelt durch diese Erkenntnis nahm ich den letzten Rest meiner verbliebenen Kräfte zusammen und strampelte wie eine Irre, um der rettenden Oberfläche näherzukommen. Auf einmal begann sich auch der leblose Körper des Doktors wieder zu rühren und versuchte, mir mit einigen unbeholfenen Bewegungen zusätzlich Auftrieb zu verschaffen. Im allerletzten Moment schossen wir durch die Wellen nach oben und schnappten so sehr nach Luft, dass uns die Lungen brannten. 
"Da, der Rettungsring", keuchte ich und wies auf den an einem Seil befestigten Reifen, der in unserer Nähe auf dem Wasser hin und her wippte. Tatsächlich schaffte es Dr. Glassner, danach zu greifen, so dass wir von den anderen Passagieren an den Rumpf des Schiffes gezogen werden konnten. Als sich mehrere Hände nach uns ausstreckten, um uns aus dem Wasser zu holen, hob ich Dr. Glassners Arm, damit er als Erster gerettet werden konnte.
Aber auf einmal hielt ich nur noch den beigen, nassen Trenchcoat in der Hand.
Dr. Glassner war verschwunden.
Und ich wusste, mit der Erfüllung dieses letzten Wunsches hatte seine Seele endlich Frieden gefunden.

Donnerstag, 14. Januar 2016

Poem for those still alive



The clock is ticking day by day
The hours passing fast away
While rushing through, what we call life.
Like cutting with a blunted knife

We try so hard in downing fate,
We chase the love, we spread our hate.
But no one ever told us that this try
Is cursed.

And so we cry.


Samstag, 2. Januar 2016

Ein ungeplanter Jahresrückblick oder Die Kaffeemaschine, das Glück und ich

Folgende Geschichte trug sich im Hause B. zwischen Weihnachten und Neujahr zu:
Weihnachten haben mein Freund und ich u.a mit dessen Cousine und ihrem Freund gefeiert, die gerade relativ frisch in ihre neu renovierte Wohnung gezogen sind. Auf unsere Frage, was sie denn brauchen könnten, antwortete der Freund "Eine Kaffeemaschine, nichts Supertolles, was für den schnellen Kaffee am Morgen." Das sollte dann eine Überraschung für die Cousine werden. Wir also recherchiert und beim Markt, bei dem man hauptsächlich Spaß haben soll, ein Aktionsschnäppchen mit knapp 60 statt 90 Tacken geschossen. Ich selber bin schon seit über einem Jahr um eine neue Maschine rumgeschlichen, aber habe immer gesagt "Ach die Alte mit ihren Macken, ja ist nervig, aber sie tuts noch, wenn sie nicht wieder spinnt." 
Allein da dachte ich mir schon - hey sag mal, Du kaufst für andere die Sachen ein, die Du auch gern hättest, aber die Du Dir selber aus irgendeinem Grund immer nicht gönnst... merkst Du was?

Kaum war die Maschine bestellt, erhielt ich über den Messenger eine Nachricht des Freundes mit dem Foto einer Kaffeemaschine und dem Text "Wir haben ein Problem. Hat sie gerade von einer Freundin geschenkt bekommen."
Super.
Naja, habe ja gestern erst geordert, kann ich sicher stornieren. Dabei immer noch nicht an mich und meinen Kaffeemaschinenwunsch gedacht.

Gesagt getan und ab die Stornierung.
Kurz darauf schon die Antwort "Tut uns Leid, ist bereits in der Versandabteilung." 
Okay dachte ich, dann eben annehmen und zurückschicken.
Immer noch nicht an mich selber gedacht.

Dann kam die Maschine, während ich arbeiten war und mein Freund hat sie zwecks Rücksendeformular aus der Verpackung genommen. Da stand sie also und "schaute" mich an, als ich nach Hause kam.
Hmmm überlegte ich, eigentlich schon ein tolles Ding.

Aber, ja aber ich hatte mit meiner Kaffeemaschine parallel direkt beim Hersteller noch eine Extrapadhalterung für meine alte Maschine bestellt. Diese Halterung ist bei der neuen natürlich inklusive. War jetzt also auch ein Schneiderkauf. Nur zehn Euronen, aber ist ja auch Geld.

Ich habe dann wirklich zwei Tage überlegt und mich schließlich dafür entschieden, die neue Kaffeemaschine selber zu behalten und die alte zu verschenken bzw. nur etwas für den nigelnagelneuen Padhalter zu verlangen.
Also die alte Maschine zu verschenken in verschiedenen Gruppen inseriert und die Geschichte als Erklärung dazugeschrieben, damit sich keiner wundert, warum eine alte Maschine mit einem neuen Padhalter angeboten wird.

Da schrieb eine Freundin drunter "Du hast aber auch immer ein Pech."

Und das war der Punkt, wo mir etwas geplatzt ist.
Im positiven Sinne.

Nein, das stimmt einfach nicht! Und ich will so etwas nicht mehr hören oder lesen.

Man schickt ja immer Wünsche ins Universum und bekommt sie auch erfüllt, mal früher, mal später. Und genau genommen habe ich gerade drei Kaffeemaschinen im Haus, neben den beiden genannten nämlich auch eine kleine Eintassenfiltermaschine, die zwar super ist, aber zu umständlich für das genaue Dosieren mit Pulver am frühen Morgen. Habe ich erst gemerkt, nachdem sie mir per Zufall ins Haus geschneit kam.
Zufall.
Ihr merkt was?
Das Schicksal hat mir aufgrund meines Wunsches diese zwei Maschinen 2015 als Geschenke ins Leben geschickt (ich habe sie tatsächlich für lau überlassen bekommen). Da ich aber immer noch nicht zufrieden war, sagte wohl Karma "Okay die Alte ist echt schwierig, ich machs jetzt auf die harte Tour, damit sie endlich zufrieden ist."

Der Satz der Freundin hat mir gerade aufgezeigt, wie ich wohl nach außen wirken muss. 
Als ewiger Pechvogel.
Und dagegen verwehre ich mich entschieden.

2015 habe ich so massig viel Glück gehabt, in kleinen und mittleren Dingen, und dafür bin ich wahnsinnig dankbar. So viele Dinge und Möglichkeiten haben sich mir geboten und wäre ich ein ewiger Trauerkloß, hätte ich keine einzige dieser Chancen wahrgenommen denn überhaupt ergriffen.
Vielleicht - und falls Dus liest, dann siehs mir nach, dennoch ist der Gedanke berechtigt - sagt dieser eine Satz auch mehr über den Aussprecher denn über den Hörer (also mich) aus. Schließlich bin ich ja nur verantworlich für das, was ich sage und nicht das, was andere dann verstehen oder denken.

Warum nun poste ich darüber?
Weil - ja das stimmt und ich gebe es zu - es mir seit einiger Zeit wieder so gut wie gar nicht gelingt, meine Hypersensitivität zu kontrollieren und mich gegen äußere Einflüsse zu schützen. Ich bin seit Wochen so duchlässig für das Leid und den Kummer anderer Lebewesen (nicht nur Menschen) wie zu meinen schlimmsten Zeiten, an denen ich mich nur noch komplett in eine Decke gewickelt in meiner Bude verkroch. Ich weiß zwar, wann genau das passiert ist, aber nicht wirklich, warum, denn einen speziellen Anlass gab es nicht. 

Deshalb habe ich Euch auch keinen Jahresrückblick 2015 angefertigt, denn immer, wenn ich kurz davor war, ihn zu posten, sagte mein Bauch "Ne Du lass mal, das ist jetzt nicht der Zeitpunkt. Inhaltlich ists auch nicht passend."
Vielleicht ist es ja jetzt an der Zeit:

Letztes Jahr war ein tolles Jahr für mich. Es war nicht immer positiv, aber es scheint niemandem an 365 Tagen die Sonne aus dem Arsch. Dennoch habe ich auch durch - oder gerade wegen - diese/r schweren Momente erkannt, was ich an ihnen gewonnen habe:

Ich habe Menschen verloren, von denen ich jetzt weiss, dass sie all meine Bemühungen nicht wert waren. Und das ist in Ordnung, denn wie überflüssige Pfunde auf den Körper, gehen auch solche Menschen auf die psychischen Gelenke und lassen sie unter der unnötigen Last ächzen.
Ich habe Menschen hinzugewonnen bzw. noch mehr zu schätzen gelernt, die mir manchmal von obigen Menschen weniger positiv gezeichnet wurden (und da stellt sich dann schon die Frage, warum).
Ich habe gemerkt, wer ehrlich zu mir war und wer mir link ins Gesicht gelogen hat - in jeder Lebenslage. Daraus habe ich zwar nach Außen kein Drama gemacht, aber es ließ mich im Stillen meine Konsequenzen ziehen.
Ich habe erkannt, wer seinen Tiefgang nur vorgeschoben hat und in Wirklichkeit hohl wie eine leere Erdnußschale ist, die man voller Vorfreude auf den leckeren Inhalt aufknackt und dann beim Anblick des dunkel verschrumpelten, bitteren Kerns beiseite legt (wobei man hier auch wieder an sich selber arbeiten muss - denn Erwartungen setzt man stets selber, nicht die anderen).

Meine Konsequenz daraus lautet:
Es ist nicht ratsam, immer nur an das Gute im Menschen zu glauben oder darauf zu hoffen.
Denn so sind die meisten Menschen leider nicht.
Aber es reicht, wenn man an das Gute in sicher selber glaubt, denn das ist der Schlüssel zu einem zufriedenem Leben. Und wenn jeder an das Gute in sich selber glaubt, dann tragen wir das auch nach außen... und schaffen dadurch letztlich auch für uns ein glücklicheres Umfeld.

Deshalb möchte ich solche Sätze wie den zu Anfang beschriebenen nicht mehr in meinem Leben haben. Ich bin vielleicht nicht der Ausbund an ewiger Lebensfreude, aber deshalb noch lange kein Superpechvogel, dem nie was Gutes widerfährt.
Man muss da wirklich aufpassen, denn wenn man etwas lang genug eingetrichtert bekommt, dann manifestiert sich das ja auch irgendwann im Unterbewusstsein und schon zieht man diese Schwingungen an.

Ich will und werde auch (wieder) bewusster leben. Mir die Sachen gönnen, die ich mir wünsche. Ich bin eh relativ genügsam und versuche immer, mich über die Dinge zu freuen, die man oft als allzu verständlich nimmt - die eigene Wohnung, ein voller Kühlschrank, eine warme Heizung und und und.

Und wenn man sich wirklich richtig dolle was wünscht und kann es sich leisten, dann soll man sich damit auch selber beschenken. Man arbeitet schließlich hart genug für sein Geld, warum also immer nur tolle Sachen für die anderen kaufen und nie für sich selber?

Wo ist da denn bloß die Logik?

Das hat wohl letztendlich auch Karma an mir verzweifeln lassen und mir die Kaffeemaschine auf diese etwas verquere Art aufs Auge gedrückt in der Hoffnung, dass ich endlich mal was schnalle.
Hab ich erst nicht.
Dann kam dieser eine Satz.
Da machte es "Ping".

Danke. Jetzt hab ichs endlich kapiert.
Auch, wenns ziemlich lang gedauert hat.