Mittwoch, 17. September 2014

Weg vom Fenster

Wie Ihr sicherlich gemerkt habt, ist es trotz der Neuerscheinung von VERRATEN in den letzten Monaten etwas ruhiger auf diesem Blog gewesen, obwohl ich wieder kräftig schreiben wollte.
Es kommt immer so, wie man es am wenigsten erwartet. Das, was bei mir los war - allzu sehr möchte ich verständlicherweise nicht ins Detail gehen - war im wahrsten Sinne eine nervenaufreibende Zeit, Tortur, Qual... ach da gibt es jede Menge Worte, aber genau genommen trifft es keins von denen richtig. Denn es traf es nicht mich selbst, sondern die Menschen in meinem engsten Umfeld, und doch ist man genauso mit "drin". Man leidet, weint, kämpft... manchmal triumphiert man und manchmal kann man auch nur zusehen, wie das Schicksal seinen Lauf nimmt...

Erst letzte Woche kamen wir aus einem dringend benötigten Urlaub wieder, der zwar bis zuletzt wegen jener Geschehnisse auf der Kippe stand, den ich selber aber dringend gebraucht habe, um meinen völlig leeren Akku wieder einigermaßen aufzuladen.
Einfach nur Sonne, mein geliebtes Meer und mein Tauchsport. 
Nur in 20 Metern Tiefe, da finde ich meinen wahren Frieden:




...
 
Kaum aber kommt man nach Hause und muss wieder ran ans Werk, da prasselt der Streß von allen Seiten auf einen hernieder, man rödelt sich die Finger wund vom vielen Tippen, und eigentlich ist alle Erholung nach einem Tag schon wieder wie weggeblasen.

Und genau das ist grundverkehrt.

Denn in dem Moment, als mir der neue Streß schon wieder an die Substanz zu gehen drohte, da meldete sich ein Gedanke, indem er mir sachte, aber beharrlich auf meine Schulter tippte.
Freundlich und gleichzeitig mit Nachdruck flüsterte er mir ins Ohr:
"Wenn du heute erfahren würdest, dass du nur noch sechs Monate zu leben hättest, wie wäre dann jetzt wohl dein Blick auf das, was da auf dem Tisch liegt? Würdest du dann etwa sagen 'Verdammt, ich hatte noch so viel vor im Leben und dafür so wenig Zeit, aber wenigstens habe ich brav meine Arbeit erledigt'?"
Sogleich flog sein Freund, die Vorstellung, zielgerichtet und erbarmungslos wie Superman auf Rettungmission mitten in mein Gesicht, und zeigte mir die Menschen, die wirklich damit konfrontiert werden, nicht mehr viel Zeit zu haben. Ließ mich erahnen, wie sich das Leben für sie auf einmal ändert, wie es noch kostbarer wird als ohnehin schon, und wie die Dinge, von denen wir durch tägliches Drüberärgern nach und nach ein Magengeschwür züchten, plötzlich geradezu lächerlich unwichtig werden.
Zu guter Letzt lud man dann noch die Erinnerung mit ein zur Party, und ich war wieder mitten "drin" im Geschehen.
Saß wieder auf dem Stuhl in der Ecke des kahlen Untersuchungsraums, während die betroffene Person die schlimme Wahrheit erfuhr.
War wieder diejenige, die die Nerven behielt, während das Gegenüber sie in Millisekunden verlor.
Fühlte wieder, wie alles in mir auseinandergerissen wurde, als nahezu zeitgleich noch jemand anderes unters Messer musste und ich mir zum ersten mal wirklich wünschte, ich sei ein Oktopus und könnte mit meinen vielen Armen alles zusammenhalten.

Und dann erinnerte ich mich wieder an die Freude, als eine Nachricht Erlösung brachte und daraufhin ein Pakt geschlossen wurde, von dem ich mir für die betreffende Person nichts mehr wünsche, als dass sie dessen Erfüllung noch erleben wird.

Eene meene muh... und weg bist Du.
Gerade nur ein kleines Wehwehchen und plötzlich bist Du (scheinbar) weg vom Fenster.

Denjenigen, die das erlebt haben und erleben, wünsche ich von Herzen, dass sie die Kraft und den Mut behalten, weiterzumachen. 
Denjenigen, die so etwas noch nicht erlebt haben, egal ob selber betroffen oder als Angehöriger, denen wünsche ich, dass sie erkennen, wie kostbar das ist, was wir haben, und es zu allem anderen in die richtige Relation setzen.

Und uns allen wünsche ich, dass wir noch lange an unseren Fenstern stehen.