Dienstag, 11. Februar 2014

Lieb ade - Die Kurzgeschichte

Nachdem ich gestern einen kurzen Anflug von Reimerei hatte und mir mitgeteilt wurde, dass eine Geschichte voller Melancholie und Sehnsucht dazu passen würde, küsste mich - ich wollte ja nur gerade schlafen gehen, krank wie ich derzeit bin - die Muse, und zupfte und zerrte so vehement an meinem Schlafshirt, dass ans schlummern nicht mehr zu denken war. Röcheln hin, Kopfbrummen her, wenn was raus muss, muss es raus, wie in allen Lebenslagen. Das Ergebnis ist eine Geschichte aus dem Alltag, und auch wiederum nicht... mal etwas anderes als das, was Ihr sonst von mir zu lesen bekommt, dennoch mit altbekannter "Handschrift".

Betrachtet es als ein weiteres Freebie für Euch auf dem Weg zur Fortsetzung von Auserwählt, die mittlerweile fertig geschrieben ist, aber noch die ein oder andere kosmetische Operation benötigt. Viel Spaß beim lesen! 

Lieb ade

Wie Stecknadeln bohrten sich die abertausend Regentropfen in seine pockennarbigen Wangen, als er angesichts des tosenden Sturms versuchte, sich mit einer Hand an der glitschigen Reling festzuhalten. Der Wind peitschte ihm unablässig Salzwasser in die Augen, so dass er sie mehrfach zusammenkneifen musste, um die kleinen Kristalle und Mikroorganismen mit der Tränenflüssigkeit auszuschwemmen. Sie brannten in seinen Augen und stachen zu, so wie er vor wenigen Momenten auf Ingrid eingestochen hatte. Vielleicht würde er jetzt erblinden und somit seine gerechte Strafe kassieren für den soeben begangenen Mord.
Aber war es wirklich Mord, wenn man sich einer lebenslangen Last entledigte, einer Pein, deren Geschmack bitterer nachklang als alle Kräuterschnäpse der Welt zusammen?
Nicht einmal heute, nicht einmal jetzt, an ihrem Hochzeitstag, an dem er ihr eine Freude hatte machen wollen, hatte sie es lassen können, und hatte ihm wiederholt mit der Bratpfanne seinen Scheitel neu gezogen, hatte ihn beschimpft als Nichtsnutz und Schlappschwanz, als Versager und armes Würstchen. Dabei hatte es Jost nach seinem arbeitslangen Leben auf eine durchaus vorzeigbare Rente gebracht, hatte nie einen Tag blau gemacht oder war zu spät zum Dienst erschienen. Der Umschlagplatz hatte stets gutes Geld bedeutet, aber gutes Geld kam nur mit guter Arbeit, und in Josts Fall bedeutete das körperliche Anstrengung bis zum Zusammenbruch. Wie oft war er nach stundenlangen Schichten nach Hause gekommen in der Hoffnung, Ingrid heute nicht in ihrem Erbrochenen liegend zu finden, und wie oft hatte diese Hoffnung ihr tragisches Ende gefunden im übelriechenden Schmutzwasser eines grauen Plastikeimers.
Die Kollegen hatten sich schon gewundert und dumme Witze darüber gerissen, wenn Jost im brütenden Hochsommer seine blutigen Striemen nicht durch lange Ärmel verdecken konnte – die Katze, hatte er dann immer gelogen. Auch für das ein oder andere Veilchen hatte er mehr oder weniger gute Ausreden gefunden, ein offener Küchenschrank, ein herumliegender Schuh als tückische Stolperfalle…
Gestolpert war Jost tatsächlich mehrfach, oft über den direkt hinter der Haustür liegenden Körper dessen, was vor mehr als vier Jahrzehnten einst ein wunderhübsches Fräulein mit nordisch blondem Haar und meerwassergrünen Augen gewesen war. Wie hatte ihn ihr Lächeln bezaubert, als sie, die Tochter seines Chefs, ihren Vater einst in der Firma besucht hatte. Sofort war er von ihr hingerissen gewesen, hatte sie umworben nach allen Regeln der Kunst und sich durch jede Menge Mehrarbeit beim seinem Vorgesetzten beliebt gemacht. Der erwünschte Eindruck war nicht ausgeblieben, und so dauerte es kein ganzes Jahr, bis Jost seine Ingrid, liebevoll seine Deern genannt, zum Altar führen durfte.
Doch seine Liebe hatte ihren Preis, denn fortan erwartete Ingrids Vater, Jost möge sein Engagement und seine Tüchtigkeit auch weiterhin in gewohntem Maße einbringen. Zunächst, die ersten zehn Jahre, da hatte Jost noch still gehalten, hatte sich und Ingrid, die unter ihrer wachsenden Einsamkeit litt, damit vertröstet, es werde sich bestimmt bald alles zum Guten wenden, wenn ihr Vater endlich in Rente gehen und ihr als einzigem Kind das Unternehmen vererben würde. Aber der alte Bastard starb und starb nicht, er lebte einfach weiter, so dass sich Jost nach Jahrzehnte langer Knechtschaft am offenen Sarg tatsächlich über das Gesicht des Schleifers beugte, um auch sicher zu gehen, dass er wirklich nicht mehr atmete.
Ingrid war zu dieser Zeit schon nicht mehr zurechnungsfähig gewesen, weswegen ihr Vater die Firma vor seinem Ableben verkauft hatte. Sie hatte in all den Jahren voll innerer Leere, voll traurigem Warten, garniert mit einem unerfüllten Kinderwunsch ihr Heil im Alkohol gesucht, und es bis heute auf keinem einzigen Flaschenboden gefunden. Ihr Frust entlud sich pro Tag mit steigendem Pegel, und Jost, der seine Deern nach wie vor liebte,  flüchtete sich wiederholt in tröstende, wenn auch irreale Gedanken, Ingrid würde schon bald erkennen, dass der Hochprozentige und seine Folgen ihr mehr schadeten als halfen. Irgendwann, so hatte er sich eingestehen müssen, hatte sie den Absprung verpasst und Jost seinen Einsatz, die Flasche von ihrem Mund zu reißen. All die Jahre hatte er ihren Schmerz erduldet, hatte sich prügeln lassen wie einen treu ergebenen Hund, der es nicht besser wusste, und suchte dabei alle Schuld allein bei sich selbst.
Das gebrauchte Segelboot, dass er Ingrid zu ihrem 60sten Geburtstag von seinem Ersparten geschenkt hatte, zauberte seiner Frau für Sekunden ein sehnsüchtig vermisstes Lächeln ins Gesicht, und bescherte ihm eine lange nicht mehr verspürte Umarmung voller Zärtlichkeit… solange, bis er Ingrid gebeten hatte, das kleine Schiff mit einer Flasche Hausmarkensekt aus dem Supermarkt auf ihren Namen zu taufen. Statt die Flasche, hingebungsvoll mit einer zartrosa Schleife geschmückt, mit Schwung an den Bug zu pfeffern, hatte Ingrid sie in weniger als fünf Sekunden entkorkt und den Inhalt in ihrer Gier in sich hinein, und nicht auf das weiße Holz geschüttet.
‚Wenn es schon so heißt wie ich, dann kann ich das Zeug genauso gut selber saufen’, waren ihre wenig damenhaften Worte gewesen, und Jost hatte sich erneut mit einer falschen Wahrheit betrogen, sie habe damit ja auch irgendwo Recht.
Jetzt aber, von Kopf bis Fuß durchweicht vom tosenden Meer und Ingrids Blut, das in hellroten Bächen vom Messer in seiner linken Hand tropfte, da wusste er, dass er sich die ganze Zeit nur etwas vorgemacht hatte, und dass er nicht schuld war an den unerfüllten Wünschen und Träumen seiner Frau. Denn wenn man sich für einen anderen Menschen bis zur Erschöpfung verausgabte, wie sollte man da noch Kinder zeugen? Im Laufe der Jahre hatten sich die ehelichen Pflichten durch die anhaltende Bewusstlosigkeit seiner sturzbesoffenen Frau sowieso erübrigt. Aber sich Liebe zu kaufen, das war für Ingrids gepeinigten Ehemann trotz allem nie in Frage gekommen.
Jost kniff erneut die Augen zu und blinzelte im Dunkel der Nacht, spärlich erleuchtet von einer Funzel an Deck, in die schwarzen Fluten, auf denen das kleine Segelschiff tapfer dem Tanz von Sturm und Wellen trotzte. Irgendwo da unten, im kalten, düsteren Nass, da lag jetzt seine Ingrid, zusammen mit der Bratpfanne und der letzten Flasche Vodka, die sie in ihrer Handtasche heimlich an Bord geschmuggelt hatte.
„Du hast Dich Dein Leben lang nur für Flüssiges interessiert – nun ist Dein Körper für immer damit vereint.“
Mit diesen kalten Worten holte Jost kräftig aus und schleuderte das Messer in hohem Bogen in die rauschenden Fluten der See. Sein Blick fiel dabei auf die Armbanduhr, die Ingrid ihm zum ersten Hochzeitstag geschenkt, und die er seitdem nie mehr abgelegt hatte.
„Oh sieh mal an, schon so spät? Dann mal ab in die Koje, Leichtmatrose“, sprach Jost zu sich selbst, „morgen muss schließlich das Deck gründlich geschrubbt werden.“
Erleichert, so als wäre mit einem Mal die Last seiner tragischen Ehe von seinen Schultern direkt hinab ins Meer gefallen, drehte er sich in Richtung Unterdeck und nahm trotz schwankender Planken die Stufen nach unten schwungvoll wie ein junger Kerl.
„Dann komm, meine Deern, lass uns mal ins Bett gehen“, sagte Jost unten angekommen, griff nach Ingrids Kopf, der auf dem Boden dem Wellengang folgend hin und her kullerte, und trug ihn, ihren Mund mit seinen verschrumpelten Fingern bereits vorsichtig öffnend, behutsam in die gemeinsame Kajüte.
„Du bist mir für die letzten Jahre noch Einiges schuldig.“
  


P.S.:
Passend hierzu empfehle ich folgende musikalische Untermalung - durch unbeabsichtigten, vielleicht unterbewussten Zufall ähnlich im Titel ^^

Montag, 10. Februar 2014

Lieb, ade



Wenn stet der Wind entfacht Dein Herz
Und hart der Sturm durchpeitscht die See
Dann überwinde Deinen Schmerz und
Flüster leise
„Lieb, ade“







(Spontane lyrische Anwandlung... aber an alle, die gleich fragen - alles in Ordnung ).