Samstag, 6. August 2016

...und in welcher Welt willst Du leben?



Es gibt Tage, da frage ich mich mehr als an den anderen, was nur mit unserer Menschheit los ist?
Ich rede jetzt nicht von der allgegenwärtigen Angst vor terroristischen Anschlägen im Namen dieser und jener Glaubensrichtung, nicht von der Entscheidung des IOC, Russland trotz Systemdopings zu den Olympischen Spielen zuzulassen (und zugleich derjenigen, die alles ans Licht gebracht hat, die Teilnahme zu verwehren). Ich rede auch nicht davon, dass es heutzutage notwendig ist, den Leuten die Bedeutung des Wortes ‚Nein’ durch Videoclips mit lustigen Spielzeugmännchen wieder im Gedächtnis zu verankern, weil so eindeutig Nein heißt Nein ja doch irgendwie nicht…
Ich rede davon, wie wir immer mehr verrohen, unsere Empathie verlieren und durch die alltägliche Überflutung mit schrecklichen Nachrichten aus aller Welt abstumpfen gegenüber dem Leid, das sich täglich vor unserer Haustür, vielleicht sogar gleich nebenan abspielt.

Wir verlieren unsere Zufriedenheit, unsere Demut und unsere Dankbarkeit gegenüber dem, was wir bereits haben.

Seit meinem schlimmen Jahr 2014 vergeht nicht ein einziger Tag, an dem ich nicht einmal bewusst „Danke“ sage. Einfach so, raus ins Nichts, in den Himmel, das Universum, wer auch immer es hören und annehmen mag.
Ich sage „Danke“ dafür, am Leben zu sein, an keiner schweren Krankheit zu leiden, ein warmes Dach über dem Kopf zu haben, dabei immer was zu Essen im Kühlschrank, einen wunderbaren Freund, der mich mit all meinen Macken und Fehlern liebt (vielleicht sogar gerade deswegen) und darüber, meine Tiere zu haben, denen ich nach schlechten Haltungsbedingungen endlich ein Leben ermöglichen kann, in dem sie sich wohlfühlen und aufblühen.

Es sind so viele kleine Sachen, die uns allen jeden Tag ein „Danke“ wert sein sollten, und die wir so oft als selbstverständlich nehmen.

Heute war ein Tag, in den so ziemlich alles reingepackt war und der mich so tief bewegt hat, dass ich diese Zeilen schreibe. Ich muss sie schreiben, weil ich sonst das Gefühl habe, dass es mich zerreißt.
Es begann am frühen Nachmittag, als mein Freund und ich uns dazu entschlossen, den Kühlschrank seiner Eltern mit ein paar Lebensmitteln aufzufüllen. Zum ersten Mal schwang ich, der ehemalige Motorradschisser, mich als Sozia  hinten auf die Honda VTR, die schon beim kleinsten Dreher geschmeidig auf 180 Sachen beschleunigt. Als Huckepackfrosch an meine bessere Hälfte geklammert, fuhren wir die erste Runde, und ich war schlichtweg davon begeistert, wie die Umwelt an uns vorbeirauschte. Auf dem Rückweg beschlossen wir spontan, noch eine Runde Autobahn einzulegen, einfach um zu testen, ob ich auch bei hohen Geschwindigkeiten auf dem Schleudersitz zurechtkomme. Das Höllengerät beförderte uns, kaum auf der Autobahn, innerhalb von kürzester Zeit auf über 200 km/h und mich überkam stellenweise das Bedürfnis, vor Freude laut zu schreien. Mein innerer Adrenalinjunkie, dem ich schon in frühester Kindheit auf der Skipiste meinen Spitznamen „Rennsemmel“ verdankte und der lange vergaben lag, erlebt endlich seine Wiedergeburt.

Noch völlig aufgeputscht gingen wir nach unserer Rückkehr zum Einkaufen. Wir lachten, alberten herum und freuten uns einfach darüber, dass wir soviel Spaß miteinander haben. Da der Supermarkt nicht alles von unserer Liste vorrätig hatte, mussten wir über die Straße zum kleineren Laden. Ich sagte, dass ich mit der vollen Tasche draußen warten würde, während mein Freund den restlichen Einkauf erledigte. Während ich wartete fiel mein Blick auf eine alte Dame mit wirren Haaren, die sich gegenüber, mir den Rücken zugewandt, in ihrem Rollstuhl auf einen Abfalleimer zuschob. Erst verstand ich nicht, was sie wollte, denn Müll zum entsorgen hatte sie keinen. Dann griff sie zögernd in den Eimer und wühlte suchend darin herum. Wieder ein Fall von Altersarmut, durchfuhr es mich, und meine gerade noch vom Geschwindigkeitsrausch so heitere Stimmung verdüsterte sich schlagartig.

Altersarmut und Obdachlosigkeit, das sind die Dinge, die mir persönlich besonders zusetzen. Es stimmt mich traurig zu sehen, wie schlecht es oftmals vielen alten Menschen geht, die teilweise ihr ganzes Leben lang bis zum umfallen gearbeitet haben und nun aus den unterschiedlichsten Gründen verarmt und vergessen ihr Dasein fristen. Schon oft habe ich solchen Menschen etwas gegeben. Nicht, weil ich so toll bin oder in Geld schwimme, sondern weil ich nicht richtig finde, was mit den Alten in unserer Gesellschaft passiert. Auch jetzt war mein Impuls vorhanden, etwas zu tun, doch wollte ich die Dame keinesfalls brüskieren.
„Du kannst nicht allen helfen“, meldete sich eine Stimme in mir, und auch wenn es mir weh tat, so musste ich mir eingestehen, dass sie Recht hatte.

Die Frau, deren Gesicht auf einen sichtlich angegriffenen Gesundheitszustand schließen ließ, zog die Hand anschließen zurück und rollte ein Stück weiter. Vor den Kartons mit den losen Kirschen hielt sie an. Der Ausdruck, der sich beim Anblick der prallen, roten Früchtchen auf ihr Gesicht legte, ging mir durch Mark und Bein. Soviel Sehnsucht lag in ihrem Blick, soviel Wunsch und vielleicht auch ein wenig Erinnerung an bessere Zeiten. Derweil war eine Verkäuferin zu einer Rauchpause nach draußen getreten und hatte sich neben den Kirschen an die Wand gelehnt. Die alte Dame hob ihren Kopf und sagte etwas zu der Angestellten, was ich nicht hören konnte. Diese wiederum nickte kurz desinteressiert und zuckte dann mit den Schultern. Daraufhin ließ die Frau im Rollstuhl ihren Blick erneut auf die Kirschen sinken und betrachtete sie eine Zeit lang mit solcher Wehmut, dass ich meinte, ihre Sehnsucht selbst spüren zu können. Langsam ließ sie ihren Kopf sinken und setzte sich einen Moment später wieder in Bewegung. Diese Niedergeschlagenheit zu sehen machte mich so unfassbar traurig.

„Du kannst nicht allen helfen“, vernahm ich erneut die Stimme in mir, diesmal etwas lauter als zuvor.
„Halts Maul“, giftete ich zurück, schulterte mir die Einkaufstasche über und ging der alten Frau nach.
„Entschuldigen Sie“, sprach ich sie höflich an, „möchten Sie vielleicht ein paar Kirschen?“
Sichtlich verdutzt schaute mich die alte Dame an. Ihr Gesicht war von Nahem noch schlimmer gezeichnet, als ich zu Anfang wahrgenommen hatte. Sie wirkte, als sei ihr schon lange nichts Schönes mehr widerfahren. Ihr Blick war leer und hoffnungslos.
„Nein, nein“, sagte sie verunsichert, offenbar in der Annahme, ich sei eine Verkäuferin.
„Ist in Ordnung, ich möchte sie ihnen schenken“, sagte ich. „Ist das okay für Sie?“
Immer noch ungläubig schaute sie mich an.
„Ja wenn Sie sie mir schenken wollen…“, antwortete sie, immer noch zu perplex, um mein Angebot komplett erfassen zu können.
Ich bat sie darum, kurz zu warten, schnappte mir eine kleine Tüte und füllte sie mit mehreren Händen voller süßer Kirschen. Die Verkäuferin lehnte weiter an der Wand und bedachte mich mit einem Blick, als sei ich ein Mensch vom Mars.
Als ich den Laden betrat, verließ mein Freund gerade den Kassenbereich.
„Warte schnell, ich muss noch was erledigen“, sagte ich, händigte ihm die Einkaufstasche aus und ging zur Kasse, um zu bezahlen. Dann eilte ich nach draußen und übergab der Dame die Tüte kleiner Köstlichkeiten. Ich wünschte ihr viel Freude damit, schenkte ihr ein warmherziges Lächeln und kehrte zurück zu meinem Freund, der meine Anfälle dieser Art schon zur Genüge kennt.

Ich weiß nicht, ob die Dame noch etwas gesagt, geschweige denn, ob sie sich bedankt hat.
Es ist mir auch nicht wichtig.
Wichtig war mir stattdessen, in diesem Moment ein Stück Menschlichkeit zu spenden in einer Welt, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.
Eine Welt, in der nur noch die überleben, die jung, vital und brauchbares „Arbeitsmaterial“ sind, während die, denen wir die Basis unserer jetzigen Lebensstandards verdanken, nur zu gern in Vergessenheit geraten und sich und ihrer winzigen Rente selbst überlassen werden.
Eine Welt, in der ich, immer noch tief berührt, kurz darauf den Müll raus bringe, nur um in der Tonne, ganz obenauf, einen nahezu unversehrten Blumenstrauß mit wunderhübschen, rosa Gerbera zu finden.

Einerseits habe ich mich in dem Augenblick gefragt, ob das vielleicht ein Danke „von oben“ sein sollte, dafür, dass ich selber vorhin etwas gegeben hatte, ohne etwas zu erwarten.
Andererseits kam mir auch hier der Gedanke, wie wenig wir alles um uns herum zu schätzen wissen, wenn wir selbst so etwas unschuldiges und schönes wie diese Blumen einfach entsorgen. Ich habe die Gerberas aus dem Strauß gezogen, um ihnen wenigstens auf ihre letzten Tage noch einen würdigen Platz zu schenken.

Sie stehen jetzt auf meinem Wohnzimmertisch und werden mich, mindestens so lange sie blühen, aber bestimmt noch weit darüber hinaus daran erinnern, dass wir nur dann zufrieden  und glücklich sein können, wenn wir wieder zu schätzen lernen, was wir bereits haben.
Und dass es uns nicht schadet, ab und an etwas von dieser Zufriedenheit an andere weiterzugeben. Besonders an diejenigen, die vielleicht nur eine Tür weiter wohnen, aber von der Welt längst vergessen wurden.

...und in welcher Welt willst Du leben?



Es gibt Tage, da frage ich mich mehr als an den anderen, was nur mit unserer Menschheit los ist?
Ich rede jetzt nicht von der allgegenwärtigen Angst vor terroristischen Anschlägen im Namen dieser und jener Glaubensrichtung, nicht von der Entscheidung des IOC, Russland trotz Systemdopings zu den Olympischen Spielen zuzulassen (und zugleich derjenigen, die alles ans Licht gebracht hat, die Teilnahme zu verwehren). Ich rede auch nicht davon, dass es heutzutage notwendig ist, den Leuten die Bedeutung des Wortes ‚Nein’ durch Videoclips mit lustigen Spielzeugmännchen wieder im Gedächtnis zu verankern, weil so eindeutig Nein heißt Nein ja doch irgendwie nicht…
Ich rede davon, wie wir immer mehr verrohen, unsere Empathie verlieren und durch die alltägliche Überflutung mit schrecklichen Nachrichten aus aller Welt abstumpfen gegenüber dem Leid, das sich täglich vor unserer Haustür, vielleicht sogar gleich nebenan abspielt.

Wir verlieren unsere Zufriedenheit, unsere Demut und unsere Dankbarkeit gegenüber dem, was wir bereits haben.

Seit meinem schlimmen Jahr 2014 vergeht nicht ein einziger Tag, an dem ich nicht einmal bewusst „Danke“ sage. Einfach so, raus ins Nichts, in den Himmel, das Universum, wer auch immer es hören und annehmen mag.
Ich sage „Danke“ dafür, am Leben zu sein, an keiner schweren Krankheit zu leiden, ein warmes Dach über dem Kopf zu haben, dabei immer was zu Essen im Kühlschrank, einen wunderbaren Freund, der mich mit all meinen Macken und Fehlern liebt (vielleicht sogar gerade deswegen) und darüber, meine Tiere zu haben, denen ich nach schlechten Haltungsbedingungen endlich ein Leben ermöglichen kann, in dem sie sich wohlfühlen und aufblühen.

Es sind so viele kleine Sachen, die uns allen jeden Tag ein „Danke“ wert sein sollten, und die wir so oft als selbstverständlich nehmen.

Heute war ein Tag, in den so ziemlich alles reingepackt war und der mich so tief bewegt hat, dass ich diese Zeilen schreibe. Ich muss sie schreiben, weil ich sonst das Gefühl habe, dass es mich zerreißt.
Es begann am frühen Nachmittag, als mein Freund und ich uns dazu entschlossen, den Kühlschrank seiner Eltern mit ein paar Lebensmitteln aufzufüllen. Zum ersten Mal schwang ich, der ehemalige Motorradschisser, mich als Sozia  hinten auf die Honda VTR, die schon beim kleinsten Dreher geschmeidig auf 180 Sachen beschleunigt. Als Huckepackfrosch an meine bessere Hälfte geklammert, fuhren wir die erste Runde, und ich war schlichtweg davon begeistert, wie die Umwelt an uns vorbeirauschte. Auf dem Rückweg beschlossen wir spontan, noch eine Runde Autobahn einzulegen, einfach um zu testen, ob ich auch bei hohen Geschwindigkeiten auf dem Schleudersitz zurechtkomme. Das Höllengerät beförderte uns, kaum auf der Autobahn, innerhalb von kürzester Zeit auf über 200 km/h und mich überkam stellenweise das Bedürfnis, vor Freude laut zu schreien. Mein innerer Adrenalinjunkie, dem ich schon in frühester Kindheit auf der Skipiste meinen Spitznamen „Rennsemmel“ verdankte und der lange vergaben lag, erlebt endlich seine Wiedergeburt.

Noch völlig aufgeputscht gingen wir nach unserer Rückkehr zum Einkaufen. Wir lachten, alberten herum und freuten uns einfach darüber, dass wir soviel Spaß miteinander haben. Da der Supermarkt nicht alles von unserer Liste vorrätig hatte, mussten wir über die Straße zum kleineren Laden. Ich sagte, dass ich mit der vollen Tasche draußen warten würde, während mein Freund den restlichen Einkauf erledigte. Während ich wartete fiel mein Blick auf eine alte Dame mit wirren Haaren, die sich gegenüber, mir den Rücken zugewandt, in ihrem Rollstuhl auf einen Abfalleimer zuschob. Erst verstand ich nicht, was sie wollte, denn Müll zum entsorgen hatte sie keinen. Dann griff sie zögernd in den Eimer und wühlte suchend darin herum. Wieder ein Fall von Altersarmut, durchfuhr es mich, und meine gerade noch vom Geschwindigkeitsrausch so heitere Stimmung verdüsterte sich schlagartig.

Altersarmut und Obdachlosigkeit, das sind die Dinge, die mir persönlich besonders zusetzen. Es stimmt mich traurig zu sehen, wie schlecht es oftmals vielen alten Menschen geht, die teilweise ihr ganzes Leben lang bis zum umfallen gearbeitet haben und nun aus den unterschiedlichsten Gründen verarmt und vergessen ihr Dasein fristen. Schon oft habe ich solchen Menschen etwas gegeben. Nicht, weil ich so toll bin oder in Geld schwimme, sondern weil ich nicht richtig finde, was mit den Alten in unserer Gesellschaft passiert. Auch jetzt war mein Impuls vorhanden, etwas zu tun, doch wollte ich die Dame keinesfalls brüskieren.
„Du kannst nicht allen helfen“, meldete sich eine Stimme in mir, und auch wenn es mir weh tat, so musste ich mir eingestehen, dass sie Recht hatte.

Die Frau, deren Gesicht auf einen sichtlich angegriffenen Gesundheitszustand schließen ließ, zog die Hand anschließen zurück und rollte ein Stück weiter. Vor den Kartons mit den losen Kirschen hielt sie an. Der Ausdruck, der sich beim Anblick der prallen, roten Früchtchen auf ihr Gesicht legte, ging mir durch Mark und Bein. Soviel Sehnsucht lag in ihrem Blick, soviel Wunsch und vielleicht auch ein wenig Erinnerung an bessere Zeiten. Derweil war eine Verkäuferin zu einer Rauchpause nach draußen getreten und hatte sich neben den Kirschen an die Wand gelehnt. Die alte Dame hob ihren Kopf und sagte etwas zu der Angestellten, was ich nicht hören konnte. Diese wiederum nickte kurz desinteressiert und zuckte dann mit den Schultern. Daraufhin ließ die Frau im Rollstuhl ihren Blick erneut auf die Kirschen sinken und betrachtete sie eine Zeit lang mit solcher Wehmut, dass ich meinte, ihre Sehnsucht selbst spüren zu können. Langsam ließ sie ihren Kopf sinken und setzte sich einen Moment später wieder in Bewegung. Diese Niedergeschlagenheit zu sehen machte mich so unfassbar traurig.

„Du kannst nicht allen helfen“, vernahm ich erneut die Stimme in mir, diesmal etwas lauter als zuvor.
„Halts Maul“, giftete ich zurück, schulterte mir die Einkaufstasche über und ging der alten Frau nach.
„Entschuldigen Sie“, sprach ich sie höflich an, „möchten Sie vielleicht ein paar Kirschen?“
Sichtlich verdutzt schaute mich die alte Dame an. Ihr Gesicht war von Nahem noch schlimmer gezeichnet, als ich zu Anfang wahrgenommen hatte. Sie wirkte, als sei ihr schon lange nichts Schönes mehr widerfahren. Ihr Blick war leer und hoffnungslos.
„Nein, nein“, sagte sie verunsichert, offenbar in der Annahme, ich sei eine Verkäuferin.
„Ist in Ordnung, ich möchte sie ihnen schenken“, sagte ich. „Ist das okay für Sie?“
Immer noch ungläubig schaute sie mich an.
„Ja wenn Sie sie mir schenken wollen…“, antwortete sie, immer noch zu perplex, um mein Angebot komplett erfassen zu können.
Ich bat sie darum, kurz zu warten, schnappte mir eine kleine Tüte und füllte sie mit mehreren Händen voller süßer Kirschen. Die Verkäuferin lehnte weiter an der Wand und bedachte mich mit einem Blick, als sei ich ein Mensch vom Mars.
Als ich den Laden betrat, verließ mein Freund gerade den Kassenbereich.
„Warte schnell, ich muss noch was erledigen“, sagte ich, händigte ihm die Einkaufstasche aus und ging zur Kasse, um zu bezahlen. Dann eilte ich nach draußen und übergab der Dame die Tüte kleiner Köstlichkeiten. Ich wünschte ihr viel Freude damit, schenkte ihr ein warmherziges Lächeln und kehrte zurück zu meinem Freund, der meine Anfälle dieser Art schon zur Genüge kennt.

Ich weiß nicht, ob die Dame noch etwas gesagt, geschweige denn, ob sie sich bedankt hat.
Es ist mir auch nicht wichtig.
Wichtig war mir stattdessen, in diesem Moment ein Stück Menschlichkeit zu spenden in einer Welt, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.
Eine Welt, in der nur noch die überleben, die jung, vital und brauchbares „Arbeitsmaterial“ sind, während die, denen wir die Basis unserer jetzigen Lebensstandards verdanken, nur zu gern in Vergessenheit geraten und sich und ihrer winzigen Rente selbst überlassen werden.
Eine Welt, in der ich, immer noch tief berührt, kurz darauf den Müll raus bringe, nur um in der Tonne, ganz obenauf, einen nahezu unversehrten Blumenstrauß mit wunderhübschen, rosa Gerbera zu finden.

Einerseits habe ich mich in dem Augenblick gefragt, ob das vielleicht ein Danke „von oben“ sein sollte, dafür, dass ich selber vorhin etwas gegeben hatte, ohne etwas zu erwarten.
Andererseits kam mir auch hier der Gedanke, wie wenig wir alles um uns herum zu schätzen wissen, wenn wir selbst so etwas unschuldiges und schönes wie diese Blumen einfach entsorgen. Ich habe die Gerberas aus dem Strauß gezogen, um ihnen wenigstens auf ihre letzten Tage noch einen würdigen Platz zu schenken.

Sie stehen jetzt auf meinem Wohnzimmertisch und werden mich, mindestens so lange sie blühen, aber bestimmt noch weit darüber hinaus daran erinnern, dass wir nur dann zufrieden  und glücklich sein können, wenn wir wieder zu schätzen lernen, was wir bereits haben.
Und dass es uns nicht schadet, ab und an etwas von dieser Zufriedenheit an andere weiterzugeben. Besonders an diejenigen, die vielleicht nur eine Tür weiter wohnen, aber von der Welt längst vergessen wurden.

...und in welcher Welt willst Du leben?



Es gibt Tage, da frage ich mich mehr als an den anderen, was nur mit unserer Menschheit los ist?
Ich rede jetzt nicht von der allgegenwärtigen Angst vor terroristischen Anschlägen im Namen dieser und jener Glaubensrichtung, nicht von der Entscheidung des IOC, Russland trotz Systemdopings zu den Olympischen Spielen zuzulassen (und zugleich derjenigen, die alles ans Licht gebracht hat, die Teilnahme zu verwehren). Ich rede auch nicht davon, dass es heutzutage notwendig ist, den Leuten die Bedeutung des Wortes ‚Nein’ durch Videoclips mit lustigen Spielzeugmännchen wieder im Gedächtnis zu verankern, weil so eindeutig Nein heißt Nein ja doch irgendwie nicht…
Ich rede davon, wie wir immer mehr verrohen, unsere Empathie verlieren und durch die alltägliche Überflutung mit schrecklichen Nachrichten aus aller Welt abstumpfen gegenüber dem Leid, das sich täglich vor unserer Haustür, vielleicht sogar gleich nebenan abspielt.

Wir verlieren unsere Zufriedenheit, unsere Demut und unsere Dankbarkeit gegenüber dem, was wir bereits haben.

Seit meinem schlimmen Jahr 2014 vergeht nicht ein einziger Tag, an dem ich nicht einmal bewusst „Danke“ sage. Einfach so, raus ins Nichts, in den Himmel, das Universum, wer auch immer es hören und annehmen mag.
Ich sage „Danke“ dafür, am Leben zu sein, an keiner schweren Krankheit zu leiden, ein warmes Dach über dem Kopf zu haben, dabei immer was zu Essen im Kühlschrank, einen wunderbaren Freund, der mich mit all meinen Macken und Fehlern liebt (vielleicht sogar gerade deswegen) und darüber, meine Tiere zu haben, denen ich nach schlechten Haltungsbedingungen endlich ein Leben ermöglichen kann, in dem sie sich wohlfühlen und aufblühen.

Es sind so viele kleine Sachen, die uns allen jeden Tag ein „Danke“ wert sein sollten, und die wir so oft als selbstverständlich nehmen.

Heute war ein Tag, in den so ziemlich alles reingepackt war und der mich so tief bewegt hat, dass ich diese Zeilen schreibe. Ich muss sie schreiben, weil ich sonst das Gefühl habe, dass es mich zerreißt.
Es begann am frühen Nachmittag, als mein Freund und ich uns dazu entschlossen, den Kühlschrank seiner Eltern mit ein paar Lebensmitteln aufzufüllen. Zum ersten Mal schwang ich, der ehemalige Motorradschisser, mich als Sozia  hinten auf die Honda VTR, die schon beim kleinsten Dreher geschmeidig auf 180 Sachen beschleunigt. Als Huckepackfrosch an meine bessere Hälfte geklammert, fuhren wir die erste Runde, und ich war schlichtweg davon begeistert, wie die Umwelt an uns vorbeirauschte. Auf dem Rückweg beschlossen wir spontan, noch eine Runde Autobahn einzulegen, einfach um zu testen, ob ich auch bei hohen Geschwindigkeiten auf dem Schleudersitz zurechtkomme. Das Höllengerät beförderte uns, kaum auf der Autobahn, innerhalb von kürzester Zeit auf über 200 km/h und mich überkam stellenweise das Bedürfnis, vor Freude laut zu schreien. Mein innerer Adrenalinjunkie, dem ich schon in frühester Kindheit auf der Skipiste meinen Spitznamen „Rennsemmel“ verdankte und der lange vergaben lag, erlebt endlich seine Wiedergeburt.

Noch völlig aufgeputscht gingen wir nach unserer Rückkehr zum Einkaufen. Wir lachten, alberten herum und freuten uns einfach darüber, dass wir soviel Spaß miteinander haben. Da der Supermarkt nicht alles von unserer Liste vorrätig hatte, mussten wir über die Straße zum kleineren Laden. Ich sagte, dass ich mit der vollen Tasche draußen warten würde, während mein Freund den restlichen Einkauf erledigte. Während ich wartete fiel mein Blick auf eine alte Dame mit wirren Haaren, die sich gegenüber, mir den Rücken zugewandt, in ihrem Rollstuhl auf einen Abfalleimer zuschob. Erst verstand ich nicht, was sie wollte, denn Müll zum entsorgen hatte sie keinen. Dann griff sie zögernd in den Eimer und wühlte suchend darin herum. Wieder ein Fall von Altersarmut, durchfuhr es mich, und meine gerade noch vom Geschwindigkeitsrausch so heitere Stimmung verdüsterte sich schlagartig.

Altersarmut und Obdachlosigkeit, das sind die Dinge, die mir persönlich besonders zusetzen. Es stimmt mich traurig zu sehen, wie schlecht es oftmals vielen alten Menschen geht, die teilweise ihr ganzes Leben lang bis zum umfallen gearbeitet haben und nun aus den unterschiedlichsten Gründen verarmt und vergessen ihr Dasein fristen. Schon oft habe ich solchen Menschen etwas gegeben. Nicht, weil ich so toll bin oder in Geld schwimme, sondern weil ich nicht richtig finde, was mit den Alten in unserer Gesellschaft passiert. Auch jetzt war mein Impuls vorhanden, etwas zu tun, doch wollte ich die Dame keinesfalls brüskieren.
„Du kannst nicht allen helfen“, meldete sich eine Stimme in mir, und auch wenn es mir weh tat, so musste ich mir eingestehen, dass sie Recht hatte.

Die Frau, deren Gesicht auf einen sichtlich angegriffenen Gesundheitszustand schließen ließ, zog die Hand anschließen zurück und rollte ein Stück weiter. Vor den Kartons mit den losen Kirschen hielt sie an. Der Ausdruck, der sich beim Anblick der prallen, roten Früchtchen auf ihr Gesicht legte, ging mir durch Mark und Bein. Soviel Sehnsucht lag in ihrem Blick, soviel Wunsch und vielleicht auch ein wenig Erinnerung an bessere Zeiten. Derweil war eine Verkäuferin zu einer Rauchpause nach draußen getreten und hatte sich neben den Kirschen an die Wand gelehnt. Die alte Dame hob ihren Kopf und sagte etwas zu der Angestellten, was ich nicht hören konnte. Diese wiederum nickte kurz desinteressiert und zuckte dann mit den Schultern. Daraufhin ließ die Frau im Rollstuhl ihren Blick erneut auf die Kirschen sinken und betrachtete sie eine Zeit lang mit solcher Wehmut, dass ich meinte, ihre Sehnsucht selbst spüren zu können. Langsam ließ sie ihren Kopf sinken und setzte sich einen Moment später wieder in Bewegung. Diese Niedergeschlagenheit zu sehen machte mich so unfassbar traurig.

„Du kannst nicht allen helfen“, vernahm ich erneut die Stimme in mir, diesmal etwas lauter als zuvor.
„Halts Maul“, giftete ich zurück, schulterte mir die Einkaufstasche über und ging der alten Frau nach.
„Entschuldigen Sie“, sprach ich sie höflich an, „möchten Sie vielleicht ein paar Kirschen?“
Sichtlich verdutzt schaute mich die alte Dame an. Ihr Gesicht war von Nahem noch schlimmer gezeichnet, als ich zu Anfang wahrgenommen hatte. Sie wirkte, als sei ihr schon lange nichts Schönes mehr widerfahren. Ihr Blick war leer und hoffnungslos.
„Nein, nein“, sagte sie verunsichert, offenbar in der Annahme, ich sei eine Verkäuferin.
„Ist in Ordnung, ich möchte sie ihnen schenken“, sagte ich. „Ist das okay für Sie?“
Immer noch ungläubig schaute sie mich an.
„Ja wenn Sie sie mir schenken wollen…“, antwortete sie, immer noch zu perplex, um mein Angebot komplett erfassen zu können.
Ich bat sie darum, kurz zu warten, schnappte mir eine kleine Tüte und füllte sie mit mehreren Händen voller süßer Kirschen. Die Verkäuferin lehnte weiter an der Wand und bedachte mich mit einem Blick, als sei ich ein Mensch vom Mars.
Als ich den Laden betrat, verließ mein Freund gerade den Kassenbereich.
„Warte schnell, ich muss noch was erledigen“, sagte ich, händigte ihm die Einkaufstasche aus und ging zur Kasse, um zu bezahlen. Dann eilte ich nach draußen und übergab der Dame die Tüte kleiner Köstlichkeiten. Ich wünschte ihr viel Freude damit, schenkte ihr ein warmherziges Lächeln und kehrte zurück zu meinem Freund, der meine Anfälle dieser Art schon zur Genüge kennt.

Ich weiß nicht, ob die Dame noch etwas gesagt, geschweige denn, ob sie sich bedankt hat.
Es ist mir auch nicht wichtig.
Wichtig war mir stattdessen, in diesem Moment ein Stück Menschlichkeit zu spenden in einer Welt, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.
Eine Welt, in der nur noch die überleben, die jung, vital und brauchbares „Arbeitsmaterial“ sind, während die, denen wir die Basis unserer jetzigen Lebensstandards verdanken, nur zu gern in Vergessenheit geraten und sich und ihrer winzigen Rente selbst überlassen werden.
Eine Welt, in der ich, immer noch tief berührt, kurz darauf den Müll raus bringe, nur um in der Tonne, ganz obenauf, einen nahezu unversehrten Blumenstrauß mit wunderhübschen, rosa Gerbera zu finden.

Einerseits habe ich mich in dem Augenblick gefragt, ob das vielleicht ein Danke „von oben“ sein sollte, dafür, dass ich selber vorhin etwas gegeben hatte, ohne etwas zu erwarten.
Andererseits kam mir auch hier der Gedanke, wie wenig wir alles um uns herum zu schätzen wissen, wenn wir selbst so etwas unschuldiges und schönes wie diese Blumen einfach entsorgen. Ich habe die Gerberas aus dem Strauß gezogen, um ihnen wenigstens auf ihre letzten Tage noch einen würdigen Platz zu schenken.

Sie stehen jetzt auf meinem Wohnzimmertisch und werden mich, mindestens so lange sie blühen, aber bestimmt noch weit darüber hinaus daran erinnern, dass wir nur dann zufrieden  und glücklich sein können, wenn wir wieder zu schätzen lernen, was wir bereits haben.
Und dass es uns nicht schadet, ab und an etwas von dieser Zufriedenheit an andere weiterzugeben. Besonders an diejenigen, die vielleicht nur eine Tür weiter wohnen, aber von der Welt längst vergessen wurden.